Quasi am Fuße des Berliner Fernsehtums steht die St. Marienkirche. Im Jahre 1292 wurde die Kirche erstmals urkundlich als Pfarrkirche der Berliner Neustadt am „Neuen Markt“ erwähnt.

Neben dem Eingang zur Kirche steht ein unscheinbares Steinkreuz um das sich viele Geschichten ranken. Ursprünglich stand das Kreuz vermutlich dort, wo jetzt das Küsterhaus steht. Dafür spricht, dass das Kreuz seinen jetzigen Standort im Jahre 1726 bekam, in dem Jahr in dem auch das Küsterhaus erbaut wurde.
Kaum einer weiß, warum das Kreuz überhaupt aufgestellt wurde. Und deshalb wurden von den Berlinern viele Geschichten erfunden. Eine fantastischer als die andere.
Die unspektakulärste Erklärung ist die, dass das Kreuz zum Gedenken eines Dachdeckes aufgestellt wurde, der beim Bau vom Dach fiel und starb.

Eine andere Erzählung berichtet vom Baumeister der Marienkirche der ein leidenschaftlicher Spieler war. Nachdem er sein eigenes Vermögen verspielt hatte, setzte er die Baugelder ein und verlor auch diese an einen fremden Mann. Aus Verzweiflung wollte sich der Baumeister das Leben nehmen. Der Fremde, der in Wahrheit der Teufel persönlich war, hielt ihn davon ab. Unter zwei Bedingungen war der Teufel bereit das Geld zurückgeben. Der Baumeister sollte ihm nicht nur seine eigene Seele versprechen, sondern auch das Kirchengewölbe so bauen, dass es am Tag der Weihe zusammenstürzen würde, so dass der Teufel sich die Seelen der Gläubigen holen könnte die dabei ums Leben kamen. In seiner Not willigte der Baumeister ein.
Bald überkam dem braven Mann aber das schlechte Gewissen und er baute die Gewölbe stark und fest.
Am Tage der Einweihung verließen der Baumeister und der Bürgermeister als Letztes die Kirche. Der Teufel wartete unterdessen direkt vor der geweihten Schwelle, stürzte sich sogleich auf den Baumeister und erwürgte ihn. Zum Andenken an diesen treuen Baumeister sollen die Berliner dann das Kreuz errichtet haben.
Diese Geschichte hat aber noch eine viel fantastischere Version. Demzufolge hatte der Baumeister sich das Geld vom Teufel im Tausch für seine Seele geben lassen um diese Kirche zu errichten. Am Tage der Fertigstellung stand der Baumeister auf dem Turm und sprach ein Dankgebet. Daraufhin verlor der Teufel die Macht über ihn und stieß ihn wütend vom Turm. Der Wind erfasste aber den weiten Mantel des Baumeisters und ließ ihn sanft zu Boden gleiten. Als Dank dafür, dass er unverletzt den Boden erreichte ließ er das Kreuz errichten.

Ähnlich klingt auch die Geschichte von dem Zinnenbläser, der für die Existenz des Kreuzes verantwortlich gemacht wurde.
Nach Vollendung der Marienkirche wurde ein Zinnenbläser auf dem Turm geschickt um einen frommen Choral zu Ehren Gottes zu spielen. Dreimal versuchte er seinem Instrument einen Ton zu entlocken. Seine Mühen waren vergeblich. Zitternd stieg er wieder hinab und sagte: “Da oben geht es um”.
Ein zweiter Bläser wurde nach oben geschickt, dem es keinesfalls besser erging. Der Dritte Bläser dann, war ein wenig schlauer. Er besprenkelte sich mit Weihwasser bevor er den Turm bestieg. Hell und klar blies er den ersten Vers, doch dann sah er plötzlich den Teufel neben sich stehen. Dieser versetzte ihm einen kräftigen Stoß, so dass der Zinnenbläser über das Geländer in die Tiefe stürzte. Abermals fing sein weiter Mantel den Wind auf und er schwebte sanft zu Boden. Ohne Schaden zu nehmen, kam er unten an.


Eine andere Version erzählt von drei Chorknaben die auf dem Turm der Marienkirche Vogeleier aus einem Krähen- oder Dohlennest stibitzen wollten. Dazu legten sie ein Brett über den Sims auf dem einer der Knaben mit einem Körbchen hinaus kroch. Die anderen beiden saßen als Gegengewicht auf dem Brett innerhalb des Turmes. Weil sich die Jungen nicht über die Verteilung der Eier einigen konnten, ließen die Beiden das Brett los und der draußen sitzende Knabe stürzte vom Kirchturm herab.
Doch plötzlich kam ein starker Wind auf und fing sich im Ministrantenkleid des Jungen… den Rest kennen wir schon. In Wahrheit musste die mittelalterliche Berliner Bevölkerung das Kreuz für den von ihnen ermordeten und verbrannten Probst Nikolaus errichten.
Propst Nikolaus von Bernau hatte in Berlin den Zehnten mit sehr großer Härte eingetrieben. Deshalb wurde er von den Bürgern gehasst.
Zudem war ein Anhänger des Herzogs Rudolf von Sachsen, der nach Markgraf Woldemars Tod Ansprüche auf die Mark machte, während die Berliner zu ihrem Landesherrn, dem Markgrafen Ludwig dem Älteren, hielten. Da erschien Propst Nikolaus in Berlin und hielt eine donnernde Rede in der Marienkirche gegen die Berliner, weil sie den Herzog Rudolf nicht anerkennen wollten. Er nannte sie u. a. “Verblendete” und “Schurken”. Es war an dem Tag gerade Markt in Berlin und der Platz vor der Marienkirche war voller Menschen.
Durch Mundpropaganda verbreiteten sich die Worte der Rede in Windeseile auf dem Marktplatz. Die entrüsteten Menschen stürmten in die Kirche, zerrten den Probst von der Kanzel und schleppten ihn bis vor die Tür wo sie ihn sofort erschlugen.
Dann errichteten sie auf dem Marktplatz einen Scheiterhaufen und verbrannten die Leiche. Vermutlich geschah dies am 16. August 1325.
Daraufhin wurde ein Kirchenbann über Berlin verhängt. Es durften keine Glocken geläutet werden, Brautpaare wurden nicht getraut und Kinder nicht getauft. Die Toten wurden ohne Priester bestattet.
Erst zehn Jahre nach dem Mord wurde festgesetzt, dass die Berliner zur Sühne eine hohe Summe Goldes zahlen sollten. Außerdem sollten sie in der Marienkirche einen neuen Altar bauen und an der Stelle des Mordes ein Steinkreuz mit einer ewigen Lampe errichten.
Fünf in das Gestein gebohrte Löcher zeugen heute noch auf die Stelle, an der die Lampe einst befestigt war.

Und noch etwas:
Unter den Kindern Berlins geht die Geschichte um, dass, wenn einer es schafft, mit einem Mal seine 5 Finger in die 5 Löcher des Steinkreuzes zu stecken, sich die Marienkirche einmal um sich selbst dreht.